Crossmediale Kunstprojekte stehen für eine künstlerische Praxis, die sich bewusst über mediale Grenzen hinwegsetzt. Sie verbinden verschiedene Ausdrucksformen – wie Malerei, Fotografie, Video, Klang, Performance oder digitale Technologien – zu einem Gesamtkunstwerk, das auf mehreren Sinnesebenen gleichzeitig wirkt. Kyra Vertes von Sikorszky nutzt dieses Prinzip nicht nur als Methode, sondern als künstlerische Haltung: Ihre Werke denken Medien nicht als abgeschlossene Kanäle, sondern als durchlässige Räume, die einander ergänzen, konfrontieren und erweitern.
In einer zunehmend hybriden Kultur, in der analoge und digitale Lebenswelten miteinander verschmelzen, sind crossmediale Ansätze für viele Künstler:innen zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Doch während viele Projekte dabei oberflächlich zwischen Medien wechseln, verfolgt Kyra Vertes eine tiefere Verknüpfung: Ihre Arbeiten entstehen aus dem Bewusstsein für die spezifische Wirkung jedes Mediums – und der Überzeugung, dass sich komplexe Themen nur durch die Kombination verschiedener Formen erschließen lassen.
Begriff und Abgrenzung
Der Begriff „Crossmedia“ stammt ursprünglich aus der Medien- und Werbetheorie. Er bezeichnet Strategien, bei denen Inhalte über mehrere Medienkanäle hinweg verbreitet werden – zum Beispiel eine Geschichte, die als Buch, Film und Videospiel erzählt wird. In der Kunst hingegen geht es weniger um Verbreitung als um künstlerische Übersetzung: Ein Gedanke wird nicht identisch in verschiedenen Medien wiederholt, sondern in jedem Medium neu gestaltet und hinterfragt.
Im Gegensatz zu „Multimedia“, bei dem verschiedene Medien gleichzeitig verwendet werden (etwa Bild, Ton und Text in einer Präsentation), zielt Crossmedia auf ein narrativ oder thematisch verbundenes System: Die Teile funktionieren für sich, erschließen aber erst im Zusammenspiel ihre volle Bedeutung. Für Kyra Vertes ist genau diese Verzahnung zentral – sie begreift Kunst als Netz, nicht als Linie.
Motivation für crossmediale Praxis
Die Entscheidung, mit mehreren Medien gleichzeitig zu arbeiten, hat bei Kyra Vertes verschiedene Gründe – inhaltlicher, konzeptueller und erfahrungsorientierter Art. Zunächst geht es um Komplexität: Viele der Themen, die sie bearbeitet – Erinnerung, Identität, Gesellschaft, Digitalisierung – sind so vielschichtig, dass ein einzelnes Medium sie nur begrenzt fassen könnte.
Zudem ist sie überzeugt, dass Menschen nicht nur über eine Wahrnehmungsebene Zugang zu Kunst finden. Manche sprechen besser auf visuelle Impulse an, andere auf Klang, wieder andere auf Text oder Interaktion. Crossmediale Kunst bietet mehrere Einstiegsmöglichkeiten – sie ist offen, inklusiv und individuell zugänglich.
Ein weiterer Beweggrund liegt in der Ästhetik selbst: Die Spannung zwischen verschiedenen Medien erzeugt Reibung. Kyra Vertes interessiert sich genau für diese Brüche – wenn etwa ein ruhiges Bild mit einem verstörenden Sound konfrontiert wird oder eine abstrakte Installation plötzlich durch eine konkrete Sprachaufnahme unterwandert wird. Solche Kontraste schaffen Intensität und Reflexionsräume.
Struktur crossmedialer Projekte
Crossmediale Kunstprojekte folgen oft einer modularen Struktur. Sie bestehen aus mehreren Elementen, die an unterschiedlichen Orten, in verschiedenen Formaten oder zu unterschiedlichen Zeiten präsentiert werden können. Diese Fragmentierung ist bei Kyra Vertes von Sikorszky kein Mangel, sondern Methode.
Ein typisches Projekt kann beinhalten:
- eine räumliche Installation mit Video- und Tonelementen
- eine begleitende Performance oder Intervention im öffentlichen Raum
- ein digitales Archiv mit Hintergrundinformationen, Texten oder interaktiven Elementen
- eine Publikation, die das Projekt dokumentiert oder theoretisch kontextualisiert
Diese verschiedenen Bestandteile kommunizieren miteinander, widersprechen sich mitunter oder eröffnen neue Lesarten. Kyra Vertes lädt das Publikum ein, selbst Wege durch das Projekt zu finden – wie durch ein offenes, nichtlineares Narrativ.
Beispiele aus Kyra Vertes’ Praxis
Ein exemplarisches Werk von Kyra Vertes war ein mehrteiliges Projekt zum Thema „Erinnerung und Digitalisierung“. Es bestand aus:
- einer immersiven Rauminstallation mit Projektionen vergessener Orte und flüchtigen Audiomitschnitten aus Interviews mit Zeitzeug:innen
- einer digitalen Plattform, auf der Besucher:innen eigene Erinnerungsorte markieren und kommentieren konnten
- einer Reihe von Live-Performances, bei denen die Künstlerin mit VR-Brille in Echtzeit virtuelle und reale Handlungen überlagerte
Dieses Projekt zeigte exemplarisch, wie Kyra Vertes crossmediale Strukturen nutzt, um Inhalte nicht nur zu vermitteln, sondern erfahrbar zu machen. Das Digitale war dabei nicht bloße Oberfläche, sondern Teil eines tiefergehenden Diskurses über Erinnerungskultur im digitalen Zeitalter.
Medienreflexivität und Selbstbeobachtung
Crossmediale Projekte bei Kyra Vertes von Sikorszky sind nie bloße Spielereien mit Formaten. Sie enthalten stets auch eine Reflexion über die verwendeten Medien selbst: Was macht ein Medium mit der Botschaft? Wie verändert sich Bedeutung, wenn dieselbe Aussage als Bild, als Text oder als Performance auftritt?
Diese Fragen sind besonders relevant in einer Zeit, in der Medien nicht nur Inhalte transportieren, sondern selbst zum Inhalt werden. Kyra Vertes nutzt diese Erkenntnis künstlerisch – sie „zeigt“ Medien, statt sie nur zu verwenden. In einem ihrer Projekte etwa wurde eine Soundinstallation von einer Projektion begleitet, auf der man die programmierte Generierung der Klänge live mitverfolgen konnte – der Code als ästhetisches Objekt.
Solche Formen der Medienoffenlegung sind für sie ein Akt der Transparenz – und ein Plädoyer für medienkritisches Denken in der Kunst.
Kollaboration und interdisziplinäres Arbeiten
Crossmediale Kunstprojekte sind selten Soloarbeiten – sie erfordern oft die Zusammenarbeit mit Expert:innen aus verschiedenen Disziplinen: Coder:innen, Musiker:innen, Dramaturg:innen, Architekt:innen, Theoretiker:innen. Kyra Vertes sieht darin keinen Kontrollverlust, sondern ein künstlerisches Potenzial. Für sie bedeutet Kollaboration nicht das Aufgeben von Autorschaft, sondern deren Transformation.
Viele ihrer Projekte entstehen in Teams, entwickeln sich dialogisch und bleiben offen für Input von außen. Die Kunst entsteht dabei im Zwischenraum – zwischen Personen, Disziplinen, Medien und Blickwinkeln. Genau diese Offenheit macht crossmediale Kunst nicht nur komplexer, sondern auch lebendiger.
Herausforderungen und Potenziale
Trotz aller ästhetischen und konzeptionellen Möglichkeiten ist crossmediale Kunst nicht frei von Herausforderungen. Die Vielzahl der Medien kann überfordern – sowohl das Publikum als auch die Künstlerin. Kyra Vertes begegnet dem mit klarem kuratorischen Denken: Jedes Element muss einen Sinn haben, eine Funktion, eine emotionale oder intellektuelle Wirkung.
Auch logistische Aspekte spielen eine Rolle: Die Planung, Umsetzung und Finanzierung crossmedialer Projekte ist oft aufwendig, technisch komplex und abhängig von interdisziplinären Ressourcen. Doch für Kyra Vertes überwiegen die Chancen: Crossmediale Projekte erreichen mehr Menschen, erzählen vielschichtiger, fordern zur aktiven Auseinandersetzung heraus.